Goethes Erben: Die Brut (1993)

Die Brut

Und der Tag wird kommen...

Die Zukunft verborgen,
Verführt zum Haß,
Geführt zum Richtblock,
Die Axt als Achse überreicht.

Und der Tag wird kommen...

Erst die, die anders sprechen,
Dann die mit dunklem Haar,
Dann die, die anders denken,
Schließlich die eigene Art - Die Brut!

Und der Tag wird kommen...
Die Brut...

Marschiert durch Blut,
Mißbraucht - branntmarkt das Symbol,
Brüllt euphorisch - unwissend.
Wozu denn denken?

Und der Tag wird kommen...
Die Brut...

Der Führer bleibt verborgen,
Unbefleckt der weiße Kragen.
Er wartet um zu richten,
Auch Röhm war nur ein brutaler Schläger.


Stilleben

Die Erde rot
Geküßt vom Blut,
Die Körper leblos,
Die Liebe durch einen Kopfschuß beendet,
Das Gehirn liegt frei -
Es hat aufgehört zu denken.
Abgetrennte Gliedmaßen lockern zwar die Landschaft auf,
Doch können sie nicht gehen noch greifen.
Unsichtbar ist der Szene Pinselstrich.
Der Mann mit Bart hat längst ein neues Bild begonnen.


Krieg

Napalm zerfrißt auch dein Gesicht,
Phosphor leuchtend es verbrennt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Dein Gesicht ist längst zerfetzt,
Knochensplitter mit Fleisch gemischt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Dein Kind aus deinem Leib herausgerissen,
Mit bloßer Hand der Bauch geschlitzt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Die Fäulnis verwiest auch deinen Körper,
Das Leid verursacht durch dein Fleisch.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Terror verwirrt jede Struktur,
Zellen entarten, wachsen wirr und quer.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Der Boden zum Grab -
Die Schachtel zum Sarg -
Schergen zum Wahn in das Chaos treiben.
Schmerzen...
Schreie...
Schmerzen...
Schreie...


Das Ende 1989

Wenn das Meer sich blutrot färbt,
Der Himmel von schwarzen Wolken bedeckt ist,
Und die Vögel aufgehört haben zu singen,
Weil ihre Kehlen vom Öl verklebt wurden...

Wenn im Osten mutierte Monster geboren werden,
Wenn der Winter zum Sommer wird und die Felder vedorren,
Die Erben des Dritten Reichs wieder mächtiger werden...
Dann! Dann hat das Ende der Zeit begonnen,
Und der Teufel die Schlacht gewonnen.

Dämme werden brechen und eure Kinder ertränken.
Feuerstürme werden eure Häuser lodernd niederbrennen.
Durch Krankheiten werden Millionen krepieren.
Die Pflanzen werden vergiftet und ungenießbar werden.

Die Luft wird ätzend wie Säure eure Lungen zerfressen.
Eure Kinder werden als häßliche Mutationen geboren.
Die Sonnenstrahlen werden Geschwüre wachsen lassen.
Ihr werdet langsam bei lebendigem Leib verfaulen.

Stürme werden monatelang die Erde verwüsten.
Unter den Trümmern, der beben, werden Tausende begraben.
Parasiten werden sich in euren Körpern einnisten.
Ratten und Schaben werden eure Wunden lecken.


Abseits des Lichtes

Die Dunkelheit findet nur abseits des Lichtes statt.
Erst dann konzentrieren wir uns auf jedes Geräusch,
Und sei es auch nur ein Laut der gar nicht existiert.

Ein altes Haus...

Das gealterte Mauerwerk arbeitet seit fast einem Jahrhundert an seinem Verfall.
Verworfene Strukturen der Bodenbretter geben Schritte preis,
Deren Ursprung längst verstorben ist.
Doch die verschobenen Holzkonstruktionen speicherten die Energie des Damals.
Verstärkten sie bis zum heutigen Zeitpunkt des Lautsprunges.
Begleitet vom Spiel der Mäuse vom Nagen der Zeit und dem lautlosen Schrei des Alterns.
Ein friedliches Stilleben in Schwarz - Weiß
In dieser Bewegungslosigkeit wandert die Vergangenheit zurück zum Ursprung...

Überrascht vom beschleunigten Schritt der Nacht,
Durchnäßt von dunklen Wolken, erreiche ich ein altes Haus...
Ungewiß schmeckt der erste Schritt durch die morsche Pforte.
Das verletzte Wesen ändert seinen Lauf.
Die Natur ist wütend.

Das Tasten in der Dunkelheit führt zum Ziel,
Ein weicher Ort zum Schlafen...
Mein Körper freut sich auf die Ruhe,
Meine Sinne vernebeln, gleiten aus meiner Hand...

Nur ein Lichtkegel folgt ihrer anmutenden Gestalt.
Sie lächelt immer...
Das Lachen ist ihr Begleiter und ihr Freund -
Bei Schmerzen,
Bei Angst,
Bei Freude.
Wenn andere sie beobachten,
Sie nicht alleine ist.
Doch das Lächeln stirbt in dem Augenblick,
Wenn die Scheinwerfer die Augen schließen.
Sie keiner sieht...

Dann altert sie um Jahre
Und trennt sich von ihrem Freund...
Ihr Leben ist der Tanz.
Ihre Gefühle werden diktiert von einem Orchester,
Regiert von einem Dirigenten,
Welcher sich den Zeichen des Papiers fügt.
Die Ballarina tanzt schneller als ihr Schatten,
Und lächelt abseits ihrer Gefühle.

Starke Männerarme heben ihre Gestalt in den Himmel empor,
Doch sie berühren nicht ihre Haut.
Grazil - synchron und angespannt,
Gleiten Mann und Frau ästhetisch durch das Bild Musik.
Wenn der letzte Ton verstummt,
Bleibt die kleine Tänzerin allein zurück und lächelt bis...

Ich reiße aus
Meine Sinne sind hellwach und suchen.
Jeder Laut wird kontrolliert.
Gleichzeitig entkleidet er lichtlos meine Nerven,
Bis die Angst unbekleidet friert,
Einen Wachtraum halluziniert und im Dunkel endet.

Naturgemurmel formiert sich zu Stimmen,
Dem verdrängten Beifall meines Traumes?
Die Aussage bleibt verborgen,
Gelähmt warte ich auf das erste Licht,
Welches die Dunkelheit verdrängt
Und lauernd zurückgelassen wird
In schattigen Winkeln ohne Glas.

Zurück bleibt das alte Haus,
Stiller Zeuge und Ursprung dieser Nacht.
Keiner applaudiert,
Keiner sieht ihre Schönheit,
Keiner sieht ihre Tränen,
Keiner sieht ihre Maske, die zerbricht...
Sie tanzt weiter...
Bis der Vorhang zum letzten Mal fällt.