Goethes Erben: 1.Kapitel (1994)

Der Spiegel

Ich schau in den Spiegel.
Der Spiegel zerbricht.
Die sanfte Form verändert sich
Zum Chaos ohne Sinn.
Im Kristallstaub der zu Boden sinkt
Bricht sich das Licht millionenfach.

Aufgespalten in seine Farben
Wird das Unsichtbare zu Rot und Blau zersetzt.
Der geborstene Spiegel hängt noch an der Wand.
Mein Gesicht ist verschwunden.
Mein Geist zersplittert und zerstört,
In zahllose Scherben zersprungen.

Ich schau in den Spiegel.
Der Spiegel zerbricht.
Die sanfte Form verändert sich
Zum Chaos ohne Sinn.
Im Kristallstaub der zu Boden sinkt
Bricht sich das Licht millionenfach.

Aufgespalten in seine Farben
Wird das Unsichtbare zu Rot und Blau zersetzt.
Der geborstene Spiegel hängt noch an der Wand.
Mein Gesicht ist verschwunden.
Mein Geist zersplittert und zerstört,
In zahllose Scherben zersprungen.

Die Gedanken zerschnitten,
Doch es blutet nicht...

Nur der Geist ist verloren.

Ich habe aufgehört zu existieren.


Der Weg

Feuchtigkeit mit Angst vermengt, mein Körper friert.
Die Zeit geht nur vorwärts nie zurück,
Noch bleibt sie stehen.
Haltlos rinnen die Sandkörner durch die Ritzen meiner Hände.
Sie können nicht ein Korn bremsen.
Im geschlossenen Augenblick sah ich das Damals.
Die Tränen der Mutter, die Feuchtigkeit der Kälte,
Den Schuldspruch ohne Worte, die Angst geboren.

Die Hand jetzt sauber. Aber rein? Nur scheinbar.
Ich seh das Blut längst abgewaschen.
Die Tat verwest und doch geschehen.
Fahl fällt das Licht ein vom Stahl geteilt.
Die Ordnung der Körner umzusetzen.
Wie gerne möchte ich im Sandkasten spielen...

Das Tempo der Zeit bestimmt den Puls,
Wird eins mit den Schritten der Wärter.
Sie kommen!
Langsam fällt auch das letzte Korn der Hoffnung.
Das Schloß, Die Tür geht auf.
Dort wartet nicht die Freiheit.
Ein Mann in Schwarz spricht seinen Trost.
Was nützt er noch?
Der Gang ist grell, Neonlicht erhellt kalt die Szene.
Meine Kindheit begegnet mir.
Meine tote Mutter wünscht gute Reise.
Sie sieht gut aus, so jung.
Da liegt die Leiche, ich seh das weinende Gesicht,
Betäubt vom Leben setz' ich mich auf den Stuhl.
Die Gurte werden angelegt, die Arme, Beine festgebunden.
Meine Freunde lachten als ich in den Bach fiel.
Damals es war kalt...
Es war ja Winter, die Zeit der Angst.
Ja, die Zeit der Angst, die Zeit der Angst...
Eine Haube wird mir aufgesetzt. Ich werde verkabelt.
Die Stimmen werden leiser. ich bin alleine.
Die letzten Körner fallen...
Die letzten Körner fallen...
Die Zeit der Angst zersetzt mein Gehirn.
Die Zeit der Angst zersetzt mein Gehirn.


Stumme Zeugen

Karge kahle Stämme
Werfen strenge Schatten,
Schehmenhaft und bedrohlich.
Stumme Zeugen der Grausamkeit,
Die hier geschah...

Damals der Mann mit dem starren Blick,
Er hielt etwas in der Hand,
Als er auf dem Auto sitzend.
Durch ein monotones Klopfen
Ein junges Mädchen
In einen Abgrund der Angst riß...

Seit Stunden wartete sie verzweifelt
Auf ihren Freund in diesem Wald.
Nur der Mond war anwesend.

Das Auto war stehen geblieben.
...Und er wollte Hilfe holen:
"Ich geh' Hilfe holen..."
Doch er kam nicht zurück...
Nur dieser Mann und mit ihm dieses Klopfen,
Dumpf und bedrohlich,
Fleisch auf Blech,
Fleisch auf Blech...

Verkrustetes Blut überzog das Gesicht ihres Freundes,
Abgetrennt vom Rumpf zum Klopfen mißbraucht...
Schlag um Schlag,
Krachte der abgehackte Schädel auf das Blechdach,
Im Takte der Angst...

Nur die kahlen Stämme
Waren die stummen Zeugen.
Und auch wenn das Mädchen gerettet wurde,
So bleibt doch ein Fluch erhalten
Auf diesem Wald, dem Wald der stummen Zeugen.


Das Ende 1989

Wenn das Meer sich blutrot färbt,
Der Himmel von schwarzen Wolken bedeckt ist,
Und die Vögel aufgehört haben zu singen,
Weil ihre Kehlen vom Öl verklebt wurden...

Wenn im Osten mutierte Monster geboren werden,
Wenn der Winter zum Sommer wird und die Felder vedorren,
Die Erben des Dritten Reichs wieder mächtiger werden...
Dann! Dann hat das Ende der Zeit begonnen,
Und der Teufel die Schlacht gewonnen.

Dämme werden brechen und eure Kinder ertränken.
Feuerstürme werden eure Häuser lodernd niederbrennen.
Durch Krankheiten werden Millionen krepieren.
Die Pflanzen werden vergiftet und ungenießbar werden.

Die Luft wird ätzend wie Säure eure Lungen zerfressen.
Eure Kinder werden als häßliche Mutationen geboren.
Die Sonnenstrahlen werden Geschwüre wachsen lassen.
Ihr werdet langsam bei lebendigem Leib verfaulen.

Stürme werden monatelang die Erde verwüsten.
Unter den Trümmern, der beben, werden Tausende begraben.
Parasiten werden sich in euren Körpern einnisten.
Ratten und Schaben werden eure Wunden lecken.


Schatten

Schwarzes Licht - vom Nichts verschluckt,
Gedankengut, geträumt verstrickt,
Beginnt auf Grenzen sich zu regen,
Ruhelos auszusuchen was beliebt.

Schatten verschlucktes Licht...
Schatten - bizarr...

Die Geburt ist bizarr wie die vergängliche Form.
Das Dasein kurz - abhängig vom Gegenpol.
Schrill und grell - dem weißen Licht.

Schatten verschlucktes Licht...
Schatten - bizarr...

Synchron zum Vorbild elegant und voller Würde,
Auch schroff - mal klein - mal größer
Verzerrt, gespiegelt oder wahr?
Das Bild ist biegsam paßt sich an auf jede Form.
Selbst Kanten werden bogengleich geschluckt, vereinigt.
Nicht existent - nur grenzenlos,
Und doch auf Grenzen lebend.

Schwarzes Licht - vom Nichts verschluckt,
Gedankengut, geträumt verstrickt,
Beginnt auf Grenzen sich zu regen,
Ruhelos auszusuchen was beliebt.

Schatten verschlucktes Licht...
Schatten - bizarr...

Die Geburt ist bizarr wie die vergängliche Form.
Das Dasein kurz - abhängig vom Gegenpol.
Schrill und grell - dem weißen Licht.


Spuren im Schnee

Der Wind beißt eisig im Gesicht.
Der Atem sticht spitz die Lunge
Bei jedem Atemzug aufs neue.
In den Gedanken lebt die Vergangenheit,
Die Kindheit, die Jugend, die Freunden, der erste Kuß,
Aber auch Liebeskummer, Eifersucht,
Krankheit und Haß...

Das Gute beginnt im Geist zu trüben,
Das Schlechte überwiegt.
Die Waagschale senkt sich auf die dunkle Seite.
Nur gebremst vom Tod?
Die Einsamkeit, in der ich stehe ist nicht nur draußen,
Sie steckt tief in mir eingebrannt.
Meine Gefühle gefrieren wie jetzt mein Körper...

Die Zivilisation ist weit entfernt:
Kein Licht, keine Stimmen, nur die Ruhe.
Der Schnee ist kalt, bald spür' ich nichts.
Ich leg' mich hin, schließ' die Augen
Und denk' an die Vergangenheit zurück...

Leuchtende Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum...
Tränen der Freude oder Trauer?


Der Mond versteckt sich hinter Wolken,
Aus denen Flocken wild im Reige tanzen
Zur Melodie des Windes,
Der mein Gesicht mit Nadelstichen umschmeichelt,
Die ich nicht spür'!
Die ich nicht spür'!...

Wie still es ist, als ob jemand wartet.
Auf mich? Wer schon?
[Ich kann mich kaum noch bewegen,
Das Denken fällt mir schwer...]
Der Wind bläst Eiskristalle auf meinen Körper,
Färbt ihn weiß, ganz unsichtbar,
Wie meine Gedanken...
Es fällt mir schwer zu denken.
Ich bin todmüde, als hätte ich Jahre nicht geschlafen.
[Ich fühle mich schwach...]
Ich schließ' die Augen und schlaf' ein...

...beginne zu träumen...


5 Jahre

Warum ich hier bin, weiß ich nicht.
Mein Blick ist starr, das ist hier Pflicht.
Unter Verückten, Idioten und Psychopathen,
Von den Ärzten wurde ich verraten.
Der Gang ist abgehackt, verschlossen,
Die Fenstergitter sind Wahnsinnssprossen.

Eingesperrt ja das sind wir hier,
Wir gehen hier auf und ab wie ein Tier.
Psychiater provozieren, fragen,
Im Intimsten stochern sie herum,
Stellen spitze Forderungen, bohren nach...
Man fühlt sich nackt und bloßgestellt,
Nicht verstanden nur verraten.
Am Schluß stehen Schreie, Frust und Angst.
5 Jahre, 5 Jahre...

Die Enge macht uns alle fertig,
Wir sind am Ende nicht nur geistig.
Mit der Psyche zerfällt der Körper,
Das Gehirn wird somit zum Mörser,
Der wirres Zeug durch die Sinne schießt,
Aus dem neuer bunter Wahnsinn sprießt.
Autoaggressive beißen sich die Lippen blutig,
Schizophrene verharren starr und stumm,
Epileptiker unter Spannung zucken,
Andere schreien, sind aggressiv.
Am Schluß werden alle depressiv.
5 Jahre, 5 Jahre...

Viele sind hier völlig zugedopt,
Die Normalität wird hier geprobt,
Tranquilizer werden appliziert,
Von Psychologen gerne praktiziert.
Man schleppt sich langsam übern Flur.
Sie wollen mir verpassen die selbe Kur...

Ich schreie tobe, will hier raus!
Diesen Wahnsinn hält mein Kopf nicht aus.
Ich schlage auf alles um mich ein,
Pfleger stürzen zur Tür herein,
Ins Bett gefesselt festgehalten, eine Spritze blitzt.
Ein Schrei! Mein Geist ist wie gelähmt!

Ich schlag' die Augen auf im Wachsaal,
Von Augenpaaren angestarrt zensiert.
5 Jahre, 5 Jahre, 5 Jahre bin ich hier...
5 Jahre und noch immer nicht verrückt...
Wie lange noch? Bis ich sterbe?
5 Jahre Wahnsinn - ich will hier raus!
Wahnsinn - 5 Jahre - ich will hier raus!
Bitte! Bitte, laßt mich raus...


Ein Licht erlischt

Wie feine Seide schimmert ihre Haut.
Ein zarter, schlanker Körper, makellose Eleganz.
Voller Anmut sind ihre Züge.

Besonders wenn sie weint,
Besonders wenn sie weint, dann...

Wenn die durchsichtigen Perlen,
Wie der Tau am Morgen an ihren lieblichen Wangen,
Das Licht in sich bricht.
Sie strahlt ängstliche Faszination aus
Im Warten auf das was kommen wird,
Was jetzt geschieht...

Besonders wenn sie weint,
Besonders wenn sie weint, dann...

Ihr Hals - so weiß, umschmeichelt, so schön...
Ich muß ihn spüren,
Sanft umschließen meine Hände ihr Ziel ertastend.

Besonders wenn sie weint,
Besonders wenn sie weint, dann...

Ich spüre den Puls, höre ihren Atem,
Empfinde ihren heißen Atem auf meiner Haut.
Das Licht flackert dem kleinen Entflammen,
Zerfließt, verbrennt...
Schneller als normal, zu schnell um lange zu brennen...
Zeitverkürzt!
Wiegend schmiegt sich die Flamme an den glühenden Docht,
Fressend dem Ziel sich nähernd.
Das Licht zuckt unruhig, kleiner, schwächer...
Verbrauchte Energie - nicht lange und sie wird erlöschen
Auf ewig, unmöglich neu entfacht zu werden.

Besonders wenn sie weint,
Besonders wenn sie weint, dann...

[Die Reflektionen in ihren Tränen werden schwächer.
Sekunde um Sekunde, Sekunde um Sekunde
Nähert sich die Dunkelheit.
Die Flamme schmilzt - wird kleiner.
Ist kaum noch zu sehen - jetzt glimmt nur noch der Docht.
Sie ist erstickt - durch meine Hand...

Besonders wenn sie weint,
Besonders wenn sie weint, dann...

Die Tränen erstarren - erkalten wie ihr Körper,
Der nackt vor mir auf dem Boden - leblos aber schön,
Schlank und voller makelloser Eleganz.]