Goethes Erben: Goethes Erben - Das "blaue" Album (1995)

Pascal

Dein süßes Lächeln fing jedes Herz.
Mehr als ein Jahrzehnt gebannt in Fleisch und Blut,
Das lachte, schrie und lebte.
Schwarzes Haar im Kontrast zu blasser Haut.
Schimmerndes Pergament, das deinen kleinen Körper,
Sanft umschloß.
Du warst fröhlich,
Schriest und tobtest,
Sprangst,
Fielst
Und...

Unfaßbar war dein Schweigen.
Dein Lachen war verstummt.
Solange ich auch flehte.
Du gebarst kein Wort.
Du lagst nur da und schliefst.
Die Zeit lief weiter.
Und in der Nacht hörte ich dein Weinen,
Dein Schrei, dein Schrei, deine Schreie...
Nacht für Nacht hallten deine Schreie...
Die schwarze Leere spiegelt all die Tränen wieder
Die ich vergoß...

Mein Schmerz begann mich aufzufressen.
Nacht um Nacht hallten deine Schreie,
Nacht um Nacht...

Ein neuer Traum begann zu leben...


Blau

Ich liebte abgöttisch das Gefühl,
Allein durch den Pulverschnee zu toben.
Meine Schritte entfachten
Durch das hohe Lauftempo einen kleinen Schneesturm,
In weiße Kristalle gehüllte Luft,
In der sich das schwache Sonnenlicht verirrte,
Um gemeinsam zu Boden zu sinken.
Ein schillernder Regenbogen begleitete jeden meiner Schritte,
Doch allmählich verschwand Ring für Ring
Und das kalte Licht des Mondes
Tauchte die Szene in sein blaues Licht.
Inzwischen war längst der letzte Sonnenstrahl
Vom Horizont verschluckt worden.
Und der einstmals leichte Pulverschnee
Änderte seine Konsistenz hin zu Knirschendem,
Spröden Eisschnee,
Der zum Tanzen einlud, sich überschlug.

Ich mag mehrere Stunden ziellos umhergeirrt sein,
Geblendet von der weißen, in sich ruhenden Landschaft.
Abgelenkt von der im Gedankenspiel verlorenen,
Bedrohlichen Schönheit die mich umgab,
Deren Teil ich geworden bin.
Die Kälte kroch zäh durch meine Sohlen und Wollsocken
Und verbiß sich in meinen Fußspitzen.
Doch der Schmerz war nur kurz,
Zu kalt war der geifernde Eiszahn.
Der Schmerz verschwand und war doch anwesend,
Man bemerkte ihn nur nicht mehr.
Doch die eisigen Zähne fraßen sich immer tiefer in mein Fleisch,
Das in seinem violetten Schimmer
An eine Ring des Regenbogens erinnerte.
Das blaue Mal der Kälte bedeckte meine Hände und Ohren,
Und bei dem Versuch Eiskristalle
Aus meiner rechten Ohrmuschel zu streichen,
Hielt ich dieselbe plötzlich in der Hand.
Kein Tropfen Blut verließ die Bruchstelle
Und auch das kleine, dünne Stück Fleisch.
Unterließ es losgelöst vom wärmenden Rumpf,
Roten Tau zu säen.
Belustigt entledigte ich mich des kleinen Stückes Fleisch,
Es roch nicht einmal versengt.
In hohem Bogen warf ich das blaue Ohr in die blauschwarze Nacht,
Welche die Szene schweigend beobachtete.
Es schien mir als grinsten die Sterne höhnisch
Und die Jungfrau Nacht trug extra ein tiefschwarzes Kleid
Zu meiner nahenden Entseelung.
Nur die runde, silbrig glänzende Scheibe,
Des sonst mitleidlosen Mondes,
Schien im Hauch von Mitleid zu strahlen.
Das Tempo meiner Schritte verringerte sich
Während dieses Gedankenspieles Meter für Meter.
Es war mir egal, ein oder beide Ohren zu verlieren.
Es war mir gleich, wieviel Haut blau schimmerte.
Und auch einem ganzen Bein
Würde ich nicht lange nachtrauern,
Solange nur der Schmerz ausblieb,
Nicht in meine Nerven kroch...

Die Zähne schlugen zwar tiefe Wunden,
Doch zumindest schmerzten sie nicht.
Zu lange mußte ich meinem Körper
Zu gefügte Qualen erdulden
In angenehm beheizten Baracken.
Manchmal sperrten sie uns tagelang
In eine saunaähnliche Hitzekammer,
Ohne Wasser, alleingelassen mit trockener, heißer Luft.
Die Lippen in Minuten zu bizarren Kraterlandschaften verwandelte,
Und die Haut innerhalb von Stunden zu dürrem Leder schuf.
Sie brannten uns Buchstaben auf die Haut,
Um ihr Analphabetentum zu beenden.
Ich konnte den Geruch von versengtem Fleisch nicht mehr ertragen,
Doch er war allgegenwärtig.
Sie zwangen uns unsere Toten zu zerlegen,
Und sie servierten uns das gebratene
Oder gekochte Fleisch der entseelten Körper,
Doch Menschenfleisch ist zäh und
So zerbrachen meine morschen Zähne
Beim Kauen der unmenschlichen Kost .
Und wenn ich während der Fütterung erbrach,
So verschluckte ich das Erbrochene
Gemeinsam mit dem gebratenen Fleisch immer wieder,
Wie ein Wiederkäuer...
Ich kaute stundenlang auf den Fingern meines Freundes,
Die ich unzählige Male wieder hervorwürgte und verschluckte.
Warmes Fleisch entriß mir meine Zähne
Und jetzt schlugen kalte Zähne in mein blaues Fleisch.

Irgendwann trugen mich meine Beine nicht mehr weiter,
Sie verweigerten meinen Wunsch zu marschieren.
So blieb mir nichts anderes übrig,
Als meine Flucht zu unterbrechen.
Meine tauben Hände gruben im hüfthohen Schnee
Eine kleine Höhle, in die ich mich verkroch.
Es roch nicht nach Fleisch und durch die Eiskristalle hindurch
Konnte ich die Sterne in einem bunten Feuerwerk betrachten.
Alles, bis auf die funkelnden Sterne und das fahle Gesicht des Mondes
War in blaues Licht getaucht.
Wie ein Schwamm Tinte,
So sog mein Körper die königliche Farbe in sich auf.
Zentimeter für Zentimeter
Kroch der lauernde Schimmer über meine Haut,
Tief in meinen Körper.

Es war ein wunderbares Gefühl,
Keinen Schmerz zu empfinden.
Die ganze Welt war blau.
Nur die Sterne und der Mond
Distanzierten sich von diesem uniformen Farbton.
Mit einem Mal wurden die Sterne weiß
Und ihr Licht immer intensiver.
Das weiße Licht drängte das tiefe Blau
Immer mehr in den Hintergrund.
Die einzelnen weißen Punkte schmolzen
Zu einer grellweißen Fläche.
Es war Tag geworden.
Das Blau verschwunden.
Hunde bellten.


Rebell

Die Asymentrie der Spur verwirrt,
Verrät keinen gefaßten Entschluß.
Deine Schlacht Rebell
Ist ein Punkt fernab einer Flucht.

Einst stotternd im Wortlaut,
Spricht er heute im fließenden Wall die Gedanken aus,
Die einst seinen Geist zu sprengen suchten.
Wohin schreitet der Besiegte
Nach gestorbener Schlacht?
Die stummen Tränen
Verächtlich lachender Nähmäuler,
Wollen ihren Zauderstrom
Zu spuckendem Haß sich bäumen lassen,
Ringend und fesselnd dich Rebell erfassen.

Gleicht der Fisch dem Vogel,
Wenn er im fehlenden Naß leidet zu Staub?
Doch bevor der Rebell in der zaudernden Flut ertrinkt,
Muß erst Zorn und Schmerz,
Trauer und Lust, auch Freude tödlich wirken?
Wie weiterleben, wenn er im Lachen ertrinkt?
Einen stotternden Vogel überleben?
Wenn er denn vom Schuppentier erlernt zu schweben
In Luft und Wasser?
Stotternd in Trauer ertrinkt,
Lustvoll lachend im schmerzlichen Zorn,
Ertränkt von nassem Atem.

Rebell besiege die,
Die besiegt werden müssen,
Bevor sie dir deinen Atem stehlen.
Es ist deine Schlacht.
Keiner kann dich stützen.
Denn nur du allein vermagst es,
Deine Zunge siegreich zu führen.

Es ist deine Schlacht

Scheinbares Weiß ist dein Feind,
Im verborgenen Schwarz wartet ein Freund.
Im Schwarz dürrt kein Fisch,
Kein Vogel ertrinkt,
Und keiner sieht deinen Augenblick Rebell.
Auch wenn Schmerz dich überkommt,
Die Lust verwirrt,
Der Zorn dich rasen läßt,
Dich Trauer zart berührt,
Dich einfach lachen läßt und schreit:
Meide Weiß Rebell.
Denn nur der Punkt auf weißer Fläche
Spricht von deiner Gegenwart.

Und irgendwo im weißen Feld
Wartet eine Stimme, die dich besser kennt
Als jeder Freund, die dir Sprache gab,
Ein Herz, das schlug, dich nie verließ
Auch wenn sie nicht verstand.
Eine Frau -
Ein Teil von ihr bist du.