Goethes Erben: Gewaltberechtigt? (1999)

Die Brut 2000

Und der Tag wird kommen...

Die Zukunft verborgen,
Verführt zum Haß,
Geführt zum Richtblock,
Die Axt als Achse überreicht.

Und der Tag wird kommen...

Erst die, die anders sprechen,
Dann die mit dunklem Haar,
Dann die, die anders denken,
Schließlich die eigene Art - Die Brut!

Und der Tag wird kommen...
Die Brut...

Marschiert durch Blut,
Mißbraucht - branntmarkt das Symbol,
Brüllt euphorisch - unwissend.
Wozu denn denken?

Und der Tag wird kommen...
Die Brut...

Der Führer bleibt verborgen,
Unbefleckt der weiße Kragen.
Er wartet um zu richten,
Auch Röhm war nur
ein brutaler Schläger.


Erkaufte Träume

Jede Nacht tanze ich um meine Seele,
Erkaufe mir einen Traum.

Leben ohne Angst nur Freiheit,
Wenn auch nur geträumt,
So doch ein Traum der mich erfreut,
Wenn auch nur für kurze Zeit.

So wundere dich nicht, wenn nur ein Bild
In deiner Erinnerung von mir erzählt.
Lebenszeit - geliehenes Gut,
Verträumt - ich hoffe nie verschwenden.
Unverstanden blieb meine Sucht nach Einsamkeit.

Erkaufte Träume...

Mein kaltes Herz erlosch viel Liebe.
Reflektierte Gefühle
Kalt und naß in mein'm Gesicht.
Reiche mir deine Hände,
Damit ich dich entführen kann
In meinem Traum.
Sieh!...

Wenn auch nur für einen Splitter Zeit
So offenbar' ich dir jetzt meine Ewigkeit -
Eiskristallen gleich, hart, zerbrechlich leicht,
Im Anblick der Glut formlos salzig, naß...

In diesem Traum verliert die Zeit die Macht.

Die Zeit war und bleibt mein Feind,
Besonders die Vergeßlichkeit.
Mahnt meinen Untergang,
War er doch Vergangenheit.
Vergangenheit, die täglich altert.
Die Zukunft schwach, wird sie entrinnen?

Ich sprech' zu dir in deinen Träumen.
Ich versuche deine Seele zu berühren.
In diesem Traum verliert die Zeit die Macht.


AbsurdISTan

Quersymmetrisch gleicht das weiße Rauschen
Einem dichten Schneegestöber,
Dessen grauweiße Flocken
Das Häßliche bedecken und verändern.
Gemeinsam brechen grau und weiß einstmals lineale Linien,
Biegen Kurven kurvenreich zu sanften Zackenmustern.
Die Explosion der schwarzen Tinte
Läßt fingerreiche Vielhände
In den grauschwarzweißen Farbraum greifen.
Nagellos und makellos zerkratzt das Fenster
Weder blutig grün noch geifernd rot
Ein wunderbares Durcheinander.
Völlig farblos warten wir
Auf leuchtend bunte Wolken,
Süßen Wind und...

Ein wunderbares Durcheinander...


Stilleben

Die Erde rot
Geküßt vom Blut,
Die Körper leblos,
Die Liebe durch einen Kopfschuß beendet,
Das Gehirn liegt frei -
Es hat aufgehört zu denken.
Abgetrennte Gliedmaßen lockern zwar die Landschaft auf,
Doch können sie nicht gehen noch greifen.
Unsichtbar ist der Szene Pinselstrich.
Der Mann mit Bart hat längst ein neues Bild begonnen.


Krieg

Napalm zerfrißt auch dein Gesicht,
Phosphor leuchtend es verbrennt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Dein Gesicht ist längst zerfetzt,
Knochensplitter mit Fleisch gemischt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Dein Kind aus deinem Leib herausgerissen,
Mit bloßer Hand der Bauch geschlitzt.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Die Fäulnis verwiest auch deinen Körper,
Das Leid verursacht durch dein Fleisch.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Terror verwirrt jede Struktur,
Zellen entarten, wachsen wirr und quer.
Schmerz...
Schrei...
Schmerz...
Schrei...

Der Boden zum Grab -
Die Schachtel zum Sarg -
Schergen zum Wahn in das Chaos treiben.
Schmerzen...
Schreie...
Schmerzen...
Schreie...


Das Ende 1989

Wenn das Meer sich blutrot färbt,
Der Himmel von schwarzen Wolken bedeckt ist,
Und die Vögel aufgehört haben zu singen,
Weil ihre Kehlen vom Öl verklebt wurden...

Wenn im Osten mutierte Monster geboren werden,
Wenn der Winter zum Sommer wird und die Felder vedorren,
Die Erben des Dritten Reichs wieder mächtiger werden...
Dann! Dann hat das Ende der Zeit begonnen,
Und der Teufel die Schlacht gewonnen.

Dämme werden brechen und eure Kinder ertränken.
Feuerstürme werden eure Häuser lodernd niederbrennen.
Durch Krankheiten werden Millionen krepieren.
Die Pflanzen werden vergiftet und ungenießbar werden.

Die Luft wird ätzend wie Säure eure Lungen zerfressen.
Eure Kinder werden als häßliche Mutationen geboren.
Die Sonnenstrahlen werden Geschwüre wachsen lassen.
Ihr werdet langsam bei lebendigem Leib verfaulen.

Stürme werden monatelang die Erde verwüsten.
Unter den Trümmern, der beben, werden Tausende begraben.
Parasiten werden sich in euren Körpern einnisten.
Ratten und Schaben werden eure Wunden lecken.


Ich liebe Schmerzen

Seit Tagen liege ich im warmen Wasser.
Ich fühle mich wohl warm und leicht.
Meine Haut löst sich ganz leicht vom Fleisch.
Ich genieße den Schmerz...
Er tut gut...

Ich liebe Schmerzen...
Warum nicht?

Das Wasser ist tiefrot.
Das Rubinauge beobachtet mich.
Kleine Blutgerinsel treiben in meinem Saft.
Der Schmerz ist fast unerträglich,
Aber ich will mehr,
Noch mehr Schmerzen spüren.

Ich liebe Schmerzen...
Warum nicht?

Inzwischen kann ich nicht mehr sitzen.
Meine Muskeln liegen frei.
Zitternd bebt mein Körper brennend,
Neben der Wanne türmt sich die Haut.
Streifen um Streifen mehren sich meine Schmerzen.

Ich liebe Schmerzen...
Warum nicht?

Das rohe Leben liegt hüllenlos frei,
Schutzlos dem Schmerz ausgeliefert.

Meine Liebe zum Schmerz wird mir irgendwann das Leben kosten aber...

Ich liebe Schmerzen...
Warum nicht?


Gewaltberechtigt?

Gedeiht Gewalt als Form der Macht
Gewaltberechtigt - zornenfacht
Schneiden Klingen tiefe Wunden
Reißen Haken Fleisch entzwei
Kobaltblau geschnürte Haut
Pergament gespannt - bereit?
Ein sanfter Schlag, dann platzt der Leib
Oh welch Schmerz beglückt die Zeit
Himmlisch frei - sadistisch klein
Alles ist Gewaltbereit
Empfänglich für manch dunklen Trieb
Küß mich - Nicht nur auf den Mund!
Leck das Salz von meiner Haut...
Pssst - beweg dich nicht!

Lieblich zart das Kind allein
Will ein Onkel bei dir sein
Geschickt entblößt er sich - das Kind
Und spielt ein Spiel - das Doktorspiel
Auch Vater Staat hat euch alle lieb!
Die Unschuld stirbt nicht nur im Krieg
Beim ersten Mal - Unendlich quält
Kein Befehl - die fremde Lust
Das Kind - den Sohn - der Sieg - die Lust
All die Söhne ungefragt
Nacht um Nacht und Schlacht für Schlacht
Keine Träne löscht den Schmerz
Nur fremder Schweiß begrüßt die Nacht
Gewaltberechtigt?
Der Staat mißbraucht die großen Knaben
Der Onkel küßt die kleinen zarten.


Sitz der Gnade
(перевод и обработка песни Ника Кейва "The Mercy Seat")

Es begann als sie mich holten,
Als ich zum Tod verurteilt ward.
Du weißt, ich bin fast schuldlos
Und ich wiederhole:
Ich habe keine Angst vor dem Sterben.

Ich nehme Objekte und deren Umgebung war
Eine zerlumpte Tasse, ein verzerrter Mop.
Das Gesicht von Jesus in meiner Suppe,
Das unheimliche Essen, gebracht auf dem Wagen
Mit bösen Rädern...
Ein krummer Knochen in meinem Essen...
Alle guten oder nicht guten Dinge...

Der Sitz der Gnade wartet lächelnd...
Und ich denk' mein Kopf verbrennt.
Und ich sehne mich die Wahrheit,
Erprobte Wahrheit hinterlassen...
Auge Auge - Zahn um Zahn...
Doch sagt ich die Wahrheit,
Als ich die Angst vor dem Sterben
Längst vergaß...

Die Zeichen interpretieren und kategorisieren.
Ein schwarzer Zahn, ein scharlachroter Nebel.
Die Wände sind böse - schwarz...
Es ist der kranke Atem der mir folgt,
Es ist der kranke Atem der mir folgt,
Es ist der kranke Atem der sich hinter mir versammelt hält...

Ich höre Geschichten aus der Kammer...
Wie Christus in der Krippe geboren wurde,
Und ich hörte, er wie ein zerlumpter Fremder
Auf dem Kreuz gestorben ist,
Und darf ich sagen, daß es irgenwie paßt...
Er war Schreiner von Beruf
Oder zumindest wurde mir das gesagt...

Wie meine gute Hand,
Habe ich "böse" auf ihre Bruderfaust tätowiert...
Die dreckigen fünf,
Sie hab'n nichts dagegen gemacht!

Im Himmel ist ein Thron aus Gold,
Die Arche seines Testaments ist verstaut.
Ein Thron, wie ich hörte,
Der Geschichte enthält.
Hier unten ist er aus Holz und Draht,
Und mein Körper steht in Flammen.
Und Gott ist nie weit weg,
Und Gott ist nie weit weg!

Ich setz' mich auf den Sitz der Gnade.
Mein Kopf ist rasiert, mein Kopf ist verdraht.
Und wie die Motte die versucht in das grelle Licht zu fliegen,
Trete ich aus dem Leben,
Nur um mich im Tod für eine Weile zu verstecken.
Und übrigens habe ich niemals gelogen...

Meine tödliche Hand nennt sich B.Ö.S.E.
Trägt einen Trauring der G.U.T. ist.
Es sind leidende Fesseln,
Die das rebellische Blut packen.

Der Sitz der Gnade wartet lächelnd...
Und ich denk' mein Kopf verbrennt.
Und ich sehne mich die Wahrheit,
Erprobte Wahrheit hinterlassen...
Auge Auge - Zahn für Zahn...
Doch sagt ich die Wahrheit,
Als ich die Angst vor dem Sterben
Längst vergaß...

Der Sitz der Gnade...


Abseits des Lichtes

Die Dunkelheit findet nur abseits des Lichtes statt.
Erst dann konzentrieren wir uns auf jedes Geräusch,
Und sei es auch nur ein Laut der gar nicht existiert.

Ein altes Haus...

Das gealterte Mauerwerk arbeitet seit fast einem Jahrhundert an seinem Verfall.
Verworfene Strukturen der Bodenbretter geben Schritte preis,
Deren Ursprung längst verstorben ist.
Doch die verschobenen Holzkonstruktionen speicherten die Energie des Damals.
Verstärkten sie bis zum heutigen Zeitpunkt des Lautsprunges.
Begleitet vom Spiel der Mäuse vom Nagen der Zeit und dem lautlosen Schrei des Alterns.
Ein friedliches Stilleben in Schwarz - Weiß
In dieser Bewegungslosigkeit wandert die Vergangenheit zurück zum Ursprung...

Überrascht vom beschleunigten Schritt der Nacht,
Durchnäßt von dunklen Wolken, erreiche ich ein altes Haus...
Ungewiß schmeckt der erste Schritt durch die morsche Pforte.
Das verletzte Wesen ändert seinen Lauf.
Die Natur ist wütend.

Das Tasten in der Dunkelheit führt zum Ziel,
Ein weicher Ort zum Schlafen...
Mein Körper freut sich auf die Ruhe,
Meine Sinne vernebeln, gleiten aus meiner Hand...

Nur ein Lichtkegel folgt ihrer anmutenden Gestalt.
Sie lächelt immer...
Das Lachen ist ihr Begleiter und ihr Freund -
Bei Schmerzen,
Bei Angst,
Bei Freude.
Wenn andere sie beobachten,
Sie nicht alleine ist.
Doch das Lächeln stirbt in dem Augenblick,
Wenn die Scheinwerfer die Augen schließen.
Sie keiner sieht...

Dann altert sie um Jahre
Und trennt sich von ihrem Freund...
Ihr Leben ist der Tanz.
Ihre Gefühle werden diktiert von einem Orchester,
Regiert von einem Dirigenten,
Welcher sich den Zeichen des Papiers fügt.
Die Ballarina tanzt schneller als ihr Schatten,
Und lächelt abseits ihrer Gefühle.

Starke Männerarme heben ihre Gestalt in den Himmel empor,
Doch sie berühren nicht ihre Haut.
Grazil - synchron und angespannt,
Gleiten Mann und Frau ästhetisch durch das Bild Musik.
Wenn der letzte Ton verstummt,
Bleibt die kleine Tänzerin allein zurück und lächelt bis...

Ich reiße aus
Meine Sinne sind hellwach und suchen.
Jeder Laut wird kontrolliert.
Gleichzeitig entkleidet er lichtlos meine Nerven,
Bis die Angst unbekleidet friert,
Einen Wachtraum halluziniert und im Dunkel endet.

Naturgemurmel formiert sich zu Stimmen,
Dem verdrängten Beifall meines Traumes?
Die Aussage bleibt verborgen,
Gelähmt warte ich auf das erste Licht,
Welches die Dunkelheit verdrängt
Und lauernd zurückgelassen wird
In schattigen Winkeln ohne Glas.

Zurück bleibt das alte Haus,
Stiller Zeuge und Ursprung dieser Nacht.
Keiner applaudiert,
Keiner sieht ihre Schönheit,
Keiner sieht ihre Tränen,
Keiner sieht ihre Maske, die zerbricht...
Sie tanzt weiter...
Bis der Vorhang zum letzten Mal fällt.