Goethes Erben: Tage des Wassers (2006)

Tage des Wassers

Ein Engel saß am Ufer.
Ein Flügel war gebrochen,
Und der Engel weinte,
Denn er konnte nicht zurück.

Und so saß er Tag um Tag,
90 Nächte schlief er nicht.
Die Bäume schüttelten ihr Laub
Und der Frost hielt Einzug,
Ließ das Wasser erstarren.
Der See wurde zum Spiegel
Und die Tränen des Engels
Gefroren noch im Fallen,
Zersprangen auf dem Eis.

Ein zweites Wesen blieb am See zurück,
Als der Frost das Wasser stahl.
Es war ein schwarzer Schwan.
Er hörte die Tränen des Engels,
Wie sie als Eiskristalle zersprangen.
Der Schwan war alt und er wußte:
Es war sein letzter Winter.
Er hatte Mitleid mit dem Engel
Und gab ihm einen seiner schwarzen Flügel.

Zum Abschied küsste der Engel den Schwan,
Und diesmal gefroren seine Tränen nicht.
Der Engel flog davon.
Der Schwan blieb zurück.
Er weinte nicht, denn er wußte,
Daß er als Teil des Engels ewig leben würde.
Und fortan alles, was sich bewegt,
Niemals mehr zu Boden sinken müsse.
Und er konnte den Engel sehen,
Wie er immer höher flog,
Die Tage des Wassers
Hinter sich zurück ließ.


Kopfstimme

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand leugnet.
Meine Kopfstimme liegt über meinem Wissen,
Wiegt es sanft auf den Wogen 1000 toter Traumsequenzen.

Das lenkt ab,
Manipuliert - filtert - polarisiert.
Sprich: fälscht!
Lügen erleichtern den Augenblick,
Aber verschlammen die Zukunft.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand leugnet - noch.
Meine Kopfstimme redet wirr.
Ich versuche sie zu ignorieren.
Ich weiß, daß ich existiere...
Oder glaube ich zu leben?

Denken ist manchmal so,
Als würde man Wissen auskotzen.
Erfahrung macht manchmal blinder
Als zwei ausgestochene Augen.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand stimmt zu.
Meine Kopfstimme wirkt irgendwie erklärend.
Wie lange noch?
Ich habe wirklich keine Ahnung,
Nur ein Ende ist abzusehen.
Das Papier ist begrenzt gewesen.
Der Tisch, der Stuhl, das Bett, die Wand -
Voller Wissensflecke.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand wird leiser.
Meine Kopfstimme beginnt, mich zu überzeugen.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand wirkt unecht.
Meine Kopfstimme verteidigt meinen Verstand
Für seine Lügen.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand schweigt.
Meine Kopfstimme schlägt meine Haut vor.

Nicht schneiden,
Schreiben dem Schmerz,
Die Worte schenken.

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand schweigt.
Meine Kopfstimme diktiert
Und die Schatten nehmen Gestalt an.
Das Schattendenken küsst meine Haut.
Kehrt zurück, kehrt zurück, kehrt zurück...

Mein Fleisch bittet darum.
Mein Verstand schweigt.
Meine Kopfstimme wird lauter.